Der Weg ist das Ziel – Absicht erklären und loslassen

Der Weg ist das Ziel…

boat-958442Wenn von Zielen die Rede ist, dann beginnt es oft damit, wie relevant es ist, sich für ein Vorhaben ein Ziel oder Ziele zu setzen. Das wirft weitläufig Diskussionen auf. Die einen vertreten das vehement (oder soll ich vielleicht weh-ement oder sogar wehe(!)-ment schreiben?): Der Erfolg hänge davon ab, sich klare Ziele zu setzen. Nur wenn man weiß, wo man hin will, ist es auch möglich anzukommen und die Ergebnisse zu messen. Andere wiederum vertreten eher die Ansicht, das Ziel stünde im Weg und würde dem Prozess des Werdens nicht gerecht.

Ich behaupte, es geht beides! Eine Absicht zu erklären und sich

dann selbst damit aus dem Weg zu gehen !

„Der Weg ist das Ziel“ im Gegensatz zur Er-zielung (was sich, wie ich finde, wie Zer-zielung anhört) legt da nahe, sich von einem Moment zum andern zu bewegen, mit dem zu gehen, was gerade ist. Ab und an steht dann der Mensch  vor einer Entscheidung. Und je nachdem, wie er entschieden hat, so geht der Weg weiter. Generell ist vieles schwer vorhersehbar und daher kaum planbar. Der Lebensweg gleicht mehr einem Fluss als einem geradlinigen, geebneten Pfad.

Wer Qigong übt, begegnet irgendwann in den ersten Stunden dem Grundprinzip des Übens. Der Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber. Wenn ich gebeten werde, die Wirkung von Qigong zu erklären, dann fällt regelmäßig dieser Satz:

„Dorthin, wo die Aufmerksamkeit geht, geht das Qi. Wo Qi ist, bewirkt es Bewegung. Es regeneriert und baut den Menschen energetisch auf allen Ebenen auf.“

So unterscheidet sich Qigong von allgemeiner Gymnastik. Man setzt mit der Aufmerksamkeit ein Ziel für die Energie. Doch ich würde dies vielmehr eine Absicht nennen. Man bestimmt, dahin oder dorthin soll die Energie fließen.

Absichtsvolles Üben heißt dann wiederum loszulassen.

Durch den Wechsel von Anspannen und Entspannen kommt Energie in Fluss, in Bewegung. Würde man sich verbissen an die Absicht halten, hätte der Energiefluss keine Chance. Daher praktiziert man Qigong so:

Impuls setzen und loslassen. Absicht erklären und loslassen.

Ein Ziel zu haben halte ich mehr für eine Entscheidung, die ich getroffen habe, um zu bestimmen, in welche Richtung ich mich bewegen möchte.

Ein Beispiel:

Aus gesundheitlichen Gründen beabsichtigte ich, regelmäßig zur Abwechslung auch noch etwas anderes als Qi Gong für meinen inneren Ausgleich zu tun. Dann schaute ich mich um, habe einige Tipps erhalten, was anderen schon gut getan hat und entschied mich dazu, einen Karatekurs zu belegen. Ich legte für mich 6 Monate Testzeit fest, um mittelfristig zu erkennen, ob es meiner Absicht dienen kann. Ich blieb 1 1/2 Jahre. Dann war klar, langfristig ist es nicht das, was auch meine Seele jubeln lässt. Ich fühlte mich innerlich nicht wirklich ausgeglichen. Aber, meine Absicht war immer noch da und auch das Wissen, dass es gut für mich ist. Aufgrund einer Verletzung, entschied ich mich als nächstes für Fitness-Training. (Außerdem wollte ich herausfinden, was so viele Menschen dorthin treibt 😉 und warum sie erklären, es wäre ihr großer Ausgleich  ) 8 Monate später stellte ich dann fest, dass ich insgesamt belastbarer wurde, meine Verletzung durch das gezielte Training ausgeheilt war, ich aber begann, meine so geliebte Beweglichkeit einzubüßen. So kam die nächste Entscheidung. Die Absicht ist noch immer die gleiche.

Die Absicht könnte man sicherlich als mein globales Ziel betrachten. Doch ich zementiere es nicht, sondern ich halte lediglich diese Absicht und lasse dann los, damit sich der Weg finden und gestalten kann. Möglicherweise entsteht der Eindruck, ich hätte weder mit Karate, noch mit Fitnesstraining etwas für meinen inneren Ausgleich erreicht. Doch, doch! Nur anders als gedacht! Ich fühle mich auf dem besten Wege dorthin. Wäre meine grundlegende Absicht gewesen, den schwarzen Gürtel zu erreichen, dann hätte sich der Weg anders gestaltet. Vermutlich hätte ich an so einigen Veranstaltungen großer Meister teilgenommen, um mich von ihnen so lange aufs Kreuz legen zu lassen, bis ich verstanden hätte, was es heißt, eines schwarzen Gürtels würdig zu sein. Doch das war nicht meine Absicht. Gleichsam war die Karatezeit genau richtig. Ich habe ungeheuer nette und schöne Menschen kennengelernt. Erkannt, dass ich mich auf ein recht großes Energiepotential verlassen kann. Wirklichen Respekt voreinander gelernt. Und mit dem kräftigsten Kiai unter den Frauen kann ich meine Gegner allein dadurch ganz gut auf Distanz bringen… ein Stück weit hat es mir inneren Ausgleich gegeben, jedoch mehr neue Erfahrungen gebracht. Eine ganz wertvolle Erfahrung liegt da hinter mir, die ich nicht missen möchte. Diese Biegungen des Weges halten viele Geschenke bereit. Was wäre geschehen, hätte ich mich zu sehr in die Idee, die ich vom Karate hatte verbissen?

Ich hätte den Fluss aufgehalten. Die Energie, das Qi, die Bewegung verhindert.

river-bed-1081967Zu starr Ziele/ Absichten zu setzen (und wie so oft, stur dann auch noch an einem Maßnahmenplan festzuhalten, weil er ja schon mal so ausführlich formuliert wurde) ist wie das Kanalisieren eines Flusses. Die Schönheit, die auf dem Weg liegt, geht verloren. Das ist es mir nicht wert. Ich möchte diesen Prozess definitiv haben.

Ich kann gut ausgerichtet durch meine Absicht und gleichzeitig im Fluss sein.

Indem ich oft genug loslasse hat das Leben die Chance, mich zu berühren.

Und außerdem: Ich liebe Überraschungen!

Man weiß nie, was kommt!

 

Impuls setzen und loslassen!